SAMMLUNG Brühe

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Alfredo Jaar

Eyes of Gutete Emerita

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“I realized that I couldn’t use them. It didn’t make sense to use them; people did not react to these kinds of images. Why would they react now? I was starting to think that there must be another way to talk about violence without recurring to violence …”

Alfredo Jaar (geboren 1956) ist einer der kompromisslosesten zeitgenössischen Künstler. Er greift politische, soziale oder ökonomische Themen auf, die meist die komplexen, oftmals ungerecht wirkenden Beziehungen zwischen der ersten Welt und den Entwicklungsländern widerspiegeln. Die diversen Themen reichen von Rassismus und Immigration bis hin zur Ausbeutung natürlicher wie menschlicher Ressourcen. Besondere Aufmerksamkeit erlangt Jaar durch sein Ruanda-Projekt und der Versinnbildlichung des Genozids der Tutsi-Minderheit (1994-1998). Zudem verbinden viele seiner Arbeiten eine Medienkritik mit dem Vorwurf von mangelnder Objektivität und bewusster Irreführung der Öffentlichkeit.

Anfangs ist Jaar in seiner künstlerischen Vorgehensweise von der Konzeptkunst der 60er Jahre und Künstlern wie Marcel Duchamp oder Joseph Beuys beeinflusst. In der Forderung nach politischem Engagement zeigen sich seine lateinamerikanischen Wurzeln. Jaar benutzt verschiedene Medien. Doch seine photographischen Arbeiten und Leuchtkästen werden zu seinem Markenzeichen.

Seit den 80er Jahren stellt Jaar weltweit aus (Venedig Biennale 1986, 2007, 2009, 2013; documenta 1987, 2002) und ihm werden zahlreiche Einzelausstellungen gewidmet (New York Museum of Contemporary Art; Whitechapel Gallery, London; Museum of Contemporary Art, Chicago; Moderna Museet, Stockholm oder Alte Nationalgalerie, Berlin).

“Eyes of Gutete Emerita” von 1996 zählt zu den eindringlichsten Werken von Jaars berühmten Ruanda Projekt, einer Serie von Arbeiten über den Genozid an der Tutsi-Minderheit in diesem afrikanischen Staat. Manche halten speziell diese Arbeit für eine der bedeutendsten Kunstwerke über Kriegsverbrechen der letzten 30 Jahre.

Als der Künstler kurz nach dem Genozid 1994 nach Ruanda ging, reiste er nach Kigali, einem Zentrum der Unruhen. Er suchte die Ntarama Kirche auf, wo sich 400 Tutsi, Männer, Frauen und Kinder, zusammenfanden, um dem Morden auf den Straßen zu entkommen. Stattdessen wurden sie auf grausamste Art und Weise niedergemetzelt. Dort traf Jaar auf eine Frau namens Gutete Emerita, die das Abschlachten ihres Mannes und ihrer Söhne mitansehen hatte müssen. Wundersamerweise war es ihr zusammen mit ihrer Tochter gelungen zu entkommen.

Jaar hat sich bewusst dafür entschieden, keine konkreten Bilder des Massakers, der Körper, die immer noch an Ort und Stelle verwesten, zu zeigen. Stattdessen fasst er alles in eine Geschichte zusammen und verwendet das Medium Text und Leuchtkasten mit alternierenden Diapositiven. Nur am Ende, auf dem letzten Diapositiv, sieht man die Augen der Frau, deren Ausdruck er nicht vergessen kann. Diese Vorgehensweise ist essentiell für Jaar’s künstlerischen Ansatz, den Betrachter nicht direkt mit den Gräueltaten zu konfrontieren, sondern ihn stattdessen dem Blick einer Überlebenden auszusetzen, die Zeuge von etwas unvorstellbar und unmenschlich Schrecklichem war.

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