SAMMLUNG Brühe

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Robert Longo

From the Freud Drawings, untitled (Small Chair, Study Room, 1938)

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„Ich bin kein Zyniker. Ich glaube fest an die großen Dinge, an Begeisterungsfähigkeit und Leidenschaft. Gleichzeitig fordern sie mich heraus, erfüllen mich mit Wut und Kampfgeist. Irgendwo zwischen schizoider Obszönität und Utopie hoffe ich, meine Arbeiten verwirklichen zu können.“

Der Amerikaner Robert Longo (geboren 1953) wird oft als einer der bedeutendsten Historienmaler des 21. Jahrhunderts bezeichnet. Seit den 70er Jahren nutzt er die Macht des medialen Bildes aus Photographie, Film, Werbung oder Comic für seine Arbeiten und zählt neben Künstlern wie Cindy Sherman oder John Baldessari zu den wichtigsten Vertretern der Appropriation Art.

Bereits seit den 70er Jahren experimentiert er mit unterschiedlichen Medien und Techniken wie Combine-Paintings, skulpturalen oder multimedialen Installationen. 1979 gelingt ihm der Durchbruch mit seiner Serie Men in the Cities, einer Serie kleinformatiger Kohlezeichnungen. Im Zentrum stehen meist die Kritik an den Ekstasen und Schrecken der postmodernen Gesellschaft, der Kampf um politische und wirtschaftliche Macht sowie die Schattenseiten unserer Mediengesellschaft. Seit den 90er Jahren wendet sich Longo verstärkt der Intimität der Zeichnung zu (Magellan 366 Drawings, 1996). Großformatige Kohlezeichnungen im photorealistischen Stil werden seit 1999 zu seinem Markenzeichen (The Freud Cycle, 2000–2004).

Seine Werke werden weltweit ausgestellt (Menil Collection in Houston, Los Angeles County Museum of Art, Museen Haus Lange und Haus Esters in Krefeld, Albertina-Museum in Wien). 1987 ist er auf der documenta 8 in Kassel vertreten, 1997 auf der Biennale Venedig. 2005 erhält Longo den Goslarer Kaiserring.

Die Kohlezeichnung von 2002, ohne Titel und mit dem Untertitel Small Chair Study Room 1938 stammt aus The Freud Cycle. Dieser basiert auf Photographien von Edmund Engelman, der am 4. Juni 1938 die Wohnung und Praxis von Sigmund Freud in der Berggasse 19 in Wien dokumentierte, bevor dieser gezwungen war, das Land zu verlassen.

Longo faszinierten nicht nur die historische Dimension der Photographien, die Referenzen zu dem Genozid an den Juden und den Verbrechen der Nationalsozialisten, sondern er fand auch einen persönlichen Bezug zu den Aufnahmen. Sie erinnerten ihn an die Praxis eines Arztes seines Vaters in New York. So schuf er mit seinen Kohlezeichnungen eine „Mischung“ aus Freuds Apartment und seinen Kindheitserinnerungen: „I think making art is a process of finding the right balance between the social world outside and the personal world inside and tuning into that dynamic.“

Einzigartig für das Werk von Longo ist die schiere Größe seiner Zeichnungen, die ungewöhnlich ist für dieses Medium: „I see drawing and photography as having similar qualities. They were the ‚bastard’ art forms. There was the high art of painting and sculpture and there was photography and drawing, their illegimitate children.“ Wichtig ist ihm dabei, daß seine Zeichnungen aus der Ferne wie Photographien wirken. „Photography is our collective memory“, proklamiert er. Aus der Nähe dagegen soll der Betrachter durch die Intimität der Zeichnung in das Bild gezogen werden. „Intimate immensity“, wie es Longo nennt.

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