SAMMLUNG Brühe

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Antonio Calderara

Spazio, Colore, Luce

18a Caldera

„Eine Schau des Unendlichen, eine Wirklichkeit, die unserer Hoffnung entspricht, unserer Möglichkeit, unserem Glauben, unserem Ich.“

Antonio Calderara (1903-1978) schuf eines der poetischsten und subtilsten Œuvre der italienischen Malerei des 20. Jahrhunderts. Als Autodidakt unterzog er sich immer wieder einer streng künstlerischen Reflexion und durchlief seit den 30er Jahren in zeitlich kurzer Abfolge die unterschiedlichsten Stilphasen. Neben Stillleben, die an Giorgio Morandi erinnern, stehen Landschaften des Postimpressionismus, Figurenbilder und Portraits, letztere lehnen sich an die Neue Sachlichkeit an. Ebenso betonte Calderara stets seine künstlerische Nähe zu Piero della Francesca.

Ab den 50er Jahren wurde das tiefe emotionale Erleben seiner Heimat, der Landschaft und des Lichts am Orta See im Piemont, sein favorisiertes Sujet. Einen immer größeren Abstraktionsgrad erreichend, löste sich Calderara in der Reihe der Orta-See-Arbeiten schließlich ganz von Landschaft und Architektur. Prägend war 1954 die Auseinandersetzung mit den Bildern Piet Mondrian’s. Seinem eigenen Empfinden nach malte er 1959 sein erstes, rein abstraktes Bild. Von nun an entwickelte er einen Josef Albers nahestehenden, zartfarbigen und abstrakten Stil, bei dem er eigenen Angaben zufolge das Maß, Farbe und Licht zu den Maximen seiner Malerei erhob.

Zeit seines Lebens stand Calderara in engem Kontakt zu zahlreichen Künstlern seiner Zeit. Zu der im Tausch zusammengetragenen Sammlung zählen Werke von Fontana, Manzoni, Soto, Uecker oder Mack. Des Weiteren stand er den Künstlern des „Studio UND“ in München nahe, mit denen er unter der Bezeichnung „Konzeptionelle Kunst“ zusammen mit Albers, Jochims, Girke, Fruhtrunk, Prantl und Gappmayer ab 1965 europaweit ausstellte. Besonders hervorzuheben sind Calderara’s Ausstellungen in der Kestnergesellschaft in Hannover 1968 sowie seine Teilnahme an der documenta in demselben Jahr, im Kunstmuseum Luzern in 1969 und in der Galerie im Taxispalais 1971. 2003 widmete ihm die Staatliche Graphische Sammlung in München sowie das Joseph Albers Museum, Quadrat Bottrop mit der „Hommage zum 100. Geburtstag“ eine groß angelegte Retrospektive. 2011 schloss sich das Museum Ritter in Waldenbuch an.

In seinen kleinen, fast intim wirkenden Bildformaten, wie bei „Spacio, Colore, Luce“ von 1972 (Öl auf Holz, 27 x 24 cm) legte Calderara bis zu 40 Farbschichten lasierend aufeinander, die alle Tonwerte der im Bild verwendeten Farben enthalten. Trotzdem differenzierte er einzelne Bildteile durch Valeurunterschiede und verband sie zugleich über die Farbverwandtschaften sowie den einheitlichen Farbauftrag. Ergebnis dieser Schichtenmalerei ist ein Tiefenlicht, das den Werken ein gleichmäßiges Leuchten verleiht. Dieser Systematisierung und Reduzierung folgend sind vor allem seine späteren Werke von einer streng rechtwinklig, differenzierten Struktur geprägt. Der goldene Schnitt, komplizierte Zahlen- und Proportionsverhältnisse bestimmen dabei die Bildkomposition.

Calderara betonte stets, dass sich seine Malerei in ihrem Wesen nie geändert habe. Sie sei folgerichtig, durch das einzige und bestimmende Motiv seiner Malerei geführt: Licht. Der Philosophie Platons und des Neoplatonismus nahe, strebte er nach einem Licht, das nichts darstellt außer sich selbst. Basierend auf der poetischen und luminosen Farbgebung sowie der harmonischen Bildstruktur strebte er einen sogenannten „Lichtraum“ an. In diesem „Spazio Luce“ verwandelt sich nach den Worten des Malers das chromatische Element in einen Lichteffekt (atto di luce) und die Materie in eine neugeborene luminose Form (forma luminosa suscitata). Schlußendlich wollte Calderara den Betrachter in einen geistigen, idealen Raum, den „Spazio Mentale“ führen, der sich in der Imagination des Betrachters abspielt. “Nicht die konkrete, sondern die imaginierte Realität, die koinzidiert mit der Welt der Idee, des Gedankens, der Phantasie. Die Hoffnung des Möglichen, die Gewissheit des Seins, die Erfindung der Wahrheit.”

Begründet in seinen existentiellen, persönlichen Erfahrungen sah der Künstler Tod und Leben als Einheit und verwirklichte in seinen Werken den in immer wieder neue Formulierungen gebrachten Gedanken vom Nichts als Ganzes. Seine meditativen, spirituellen und sehr poetischen Bilder beschreibt der enge Freund und Maler Raimer Jochims als „Bilder des Unendlichen in einer endlichen Form. Sie verkörpern seinen Dialog mit der unvergänglichen Dimension des Seins. Das Unendliche ist unsterblich. Seine Bilder waren also nicht die Bilder des Schweigens, sondern ein Dialog an der Grenze des Nichts, ein Dialog, der bis zuletzt immer einsamer, heiterer und geistiger wurde.“

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